Martin Lönnebo

Martin LønneboAls Martin Lönnebo über ein Hilfsmittel für die spirituelle Sehnsucht des Menschen nachdachte, sah er vier Anforderungen als besonders wichtig an: Dieses Hilfsmittel sollte in Form des Gebetes sein. Es sollte den Kern des christlichen Glaubens zusammenfassen – und dies in einer Weise, der man sich leicht und ohne Angst nähern kann. Es sollte den modernen Menschen ansprechen und ihm gefallen. Und es sollte konkret sein, etwas Greifbares, das man in die Hand nehmen kann. Besonders die Berührung war Martin Lönnebo wichtig: „Die Ohren werden heutzutage dauernd angesprochen, ebenso die Augen; demgegenüber kommt die Berührung zu kurz. Man kann Bücher über Gott schreiben, doch die Begegnung mit Gott liegt jenseits der Worte und es geht im Grunde darum, berührt zu werden. Berührung ist von zentraler Bedeutung für den Menschen“, sagt Martin Lönnebo.

Er selbst hat immer einen Kranz in der Jackentasche. Oft holt er ihn heraus und lässt ihn durch die Hand gleiten, berührt die Perlen eine Weile. „In die Gottesperle“, sagt er, „lege ich meine eigene Lebensgeschichte. Zugleich ist die Gottesperle die Nähe des Heiligen. Jedes Mal, wenn ich meine Hand in die Tasche stecke, werde ich an die Anwesenheit des Großen erinnert.“ Die Perlen des Lebens beginnen und enden mit der goldenen Gottesperle.

Als Martin Lönnebo in dem kleinen Zimmer auf der Insel in Griechenland saß und den Kranz zeichnete, da war es die Gottesperle, die zusammen mit der Ich-Perle und der Perle der Stille zum Ausgangspunkt des Kranzes wurde. Es gibt alles in allem sechs Perlen der Stille im Perlenband. Bei den Perlen der Stille geht es darum, zur Ruhe zu kommen, zu sein, ohne etwas zu machen. Den Lärm des Alltags auszusperren. Stille zu schaffen und Platz für Gott.

Die Perlen folgen dem Weg des Lebens

„Ich und Gott und die Stille, so fängt es an. Das ist etwas, mit dem sich fast alle vertraut machen können“, sagt er. Der Kranz folgt dann dem Lebensweg mit Geburt, Tod und Auferstehung, die ihren Ausdruck finden in der Taufperle, der Perle der Nacht und der Perle der Auferstehung. Die Wanderung geht von der Taufe zur Auferstehung durch die Wüste, durch Gelassenheit und Liebe. „Wir alle sind Pilger in unserem Leben und die Perlen des Lebens sind eine Reise mit Christus als Wegweiser. Bei den Perlen des Lebens geht es darum, Gott zu finden, aber auch sich selbst zu finden und den Nächsten“, sagt Martin Lönnebo.

Im Perlenkranz gibt es zwei Perlen der Liebe. Bei der ersten geht es darum, geliebt zu werden, um die Liebe als das größte Geschenk des Lebens. Bei der zweiten Liebesperle geht es darum, selbst zu lieben, die Liebe weiterzugeben. Neben den beiden Perlen der Liebe liegen drei kleinere weiße Perlen, die – kurz und gut – den Namen Geheimnisperlen bekommen haben. „Wenn man sich in die Botschaft der Perlen der Liebe eingelebt hat, kann man die Geheimnisperlen diese Botschaft gestalten lassen. In den Geheimnisperlen kann man das aufbewahren, was einem am wertvollsten ist, vielleicht die Familie, seine schönsten Träume, die nächsten Freunde“, sagt Martin Lönnebo. In Martin Lönnebos Perlenkranz schließt die erste Geheimnisperle diejenigen ein, die ihm am nächsten stehen, auch die Toten. „Die Perle ist wie ein großes weißes Haus für sie alle, in dem sie alle zusammensein können“, sagt er. In die dritte Geheimnisperle hat er alle die eingeschlossen, die die Perlen des Lebens benützen. Danach gefragt, was in der zweiten Geheimnisperle verborgen liegt, lächelt er und schüttelt ein wenig den Kopf: „Das ist meine Privatangelegenheit“, sagt er.

Drei Geheimnisse

Wenn man die sechs Perlen der Stille mitrechnet, bestehen die Perlen des Lebens aus achtzehn Perlen. Dass es gerade achtzehn sind, hat weniger zu bedeuten als dass es genau zwölf runde Perlen sind, die sich auf die Beschreibung des Himmels im Buch der Offenbarung beziehen: „Die zwölf Tore waren zwölf Perlen, jedes Tor aus einer einzigen Perle.“

Dass es genau drei Geheimnisperlen sind, dafür gibt es eine viel „weltlichere“ Erklärung. „Ich habe drei Kinder – und zunächst dachte ich, dass jedes Kind seine eigene Perle haben sollte, aber dann habe ich mich doch anders entschieden. Nun wohnen meine drei Kinder zusammen in der ersten Geheimnisperle – und so soll es sein“, sagt er.

Wenn es eine Perle gab, über die er im Zweifel war, so war das die schwarze Perle. „Die war am Anfang nicht mit dabei. Ich hatte Angst, dass man sie nicht verstehen könnte. Aber es ist gut, die schwarze Perle zu umfassen. Den Tod zu verleugnen ist eine Art und Weise, Angst vor dem Leben zu haben“, sagt Martin Lönnebo. Vielleicht geht es bei unserer Todesangst im Innersten darum, dass wir noch etwas zu erledigen haben oder dass wir das Leben nicht so gelebt haben, wie wir es wollten. „Sich mit dem Gedanken an seinen eigenen Tod zu versöhnen, ist wichtig, denn das macht auch das Leben wichtig“, sagt er.

Die Holzperlen des ersten Kranzes

Nachdem er wohlbehalten aus Griechenland heimgekommen war, stellte Martin Lönnebo den ersten Perlenkranz her. Er benützte Holzperlen, probierte diesen Perlenkranz aus und entdeckte, dass er „funktionierte“. Doch er war ziemlich allein mit seiner Überzeugung. „Die meisten glaubten überhaupt nicht daran. Viele, die ich fragte, meinten, dass der Kranz etwas Verdächtiges in sich barg, etwas Mystisches. Dass er an ein magisches Schmuckstück erinnere. Ich versuchte zu erklären, dass das Gebet etwas Magisches ist, doch das überzeugte nicht“, sagt er und lacht. Doch nachdem er einige Überzeugungsarbeit geleistet hatte, gelang es ihm doch, das Projekt zu realisieren, und das Perlenband kam 1996 in Schweden auf den Markt.

Anfangs wurden die Perlen lose verkauft und der Benützer stellte seinen eigenen Kranz daraus her. Immer noch gibt es viele, die ihren eigenen Kranz herstellen, entweder indem sie einzelne Perlen kaufen oder indem sie Material von altem Schmuck verwenden. Ganz offenbar haben die Einfachheit des Kranzes und die Botschaft der Perlen Anklang gefunden. Über die Tatsache hinaus, dass die Perlen des Lebens bei vielen einzelnen Menschen in Gebrauch sind, werden die Perlen des Lebens heutzutage auch in vielen Gemeinden angewandt, in Kinder-, Jugend- und Erwachsenengruppen. Es gibt auch Seminare und Einkehrtage, die sich an den Perlen des Lebens orientieren. Und im skandinavischen Raum leitet Martin Lönnebo selbst Einkehrtage, „Pilger-Retreat-Tage“, die an der Botschaft der Perlen ausgerichtet sind.

Spiritualität muss eingeübt werden

Seitdem das erste Buch zu den Perlen des Lebens erschienen ist (1996 auf Schwedisch im Verbum Verlag, Stockholm, unter dem Titel „Frälsarkransen“), hat Martin Lönnebo eine ganze Reihe Bücher über die Perlen des Lebens und deren Verwendung geschrieben (sie erschienen alle im Verbum Verlag, Stockholm, unter der Reihenbezeichnung „Andlig träning“ und sind bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt).

Dass man Spiritualität einüben und trainieren muss, damit sie wachsen kann, ist für Martin Lönnebo eine Selbstverständlichkeit. „Genauso, wie man den Körper bewegen und pflegen muss, um sich wohl zu fühlen, genauso ist es mit unserer Spiritualität, mit unseren geistigen und geistlichen Bedürfnissen. Man muss sie erforschen und sich Zeit dafür nehmen. Man muss Prioritäten setzen“, sagt er. Der Erfolg mit den Perlen des Lebens hat Martin Lönnebos Alltag nicht nennenswert verändert. Frühzeitig hatten er und seine Frau beschlossen, dass alle Honorarzahlungen der schwedischen Organisation „Individuell Människohjälp“ (deutsch etwa: Individuelle Hilfe für Menschen) zugute kommen sollen. Sie richteten dort auf den Namen ihres Sohnes Jonas einen Fond für Kinder mit Entwicklungsstörungen ein. Mit einem behinderten Kind zu leben, war eine Herausforderung, aber gleichzeitig auch lehrreich, sagt Martin Lönnebo.

„Die Begegnung mit Gott geschieht nicht auf intellektueller Ebene. Vor Gott sind nicht Worte wichtig. Die Begegnung geschieht jenseits der Worte“, sagt er. Und die Perlen des Lebens haben Martin Lönnebo in seinem eigenen Gebetsleben geholfen. Auf unterschiedliche Weise hat er selbst während vieler Jahre damit gerungen, Regelmäßigkeit und Tiefe in seinem Gebet und seiner Meditation zu finden. „Beten ist nicht leicht. Darum kann man Hilfsmittel finden. Die Perlen des Lebens haben mir geholfen, zur Konzentration zu finden. Es ist wichtig, sich nicht zu sehr nach außen treiben zu lassen.“

(Text: Carolina Johansson)